Identität ist viel mehr als nur eine persönliche Frage – sie spiegelt unsere Wurzeln, Erfahrungen und kulturellen Hintergründe wider. Und auch im Employer Branding geht es am Ende des Tages darum, wie sehr ich mich als Mitarbeiter:in mit den Werten meines Arbeitgebers identifizieren kann und diese Identität nach außen trage, um sie anderen voller Stolz und Inbrunst zu präsentieren.
Im Gespräch mit Matthias Bohm, dem Gründer des Modelabels Grubenhelden, geht es um genau diese Themen. Matthias hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Ruhrgebiets und der Bergleute mit moderner Streetwear lebendig zu halten. Dabei steht nicht nur die harte Arbeit unter Tage im Mittelpunkt, sondern vor allem Werte wie Zusammenhalt und Ehrlichkeit, die auch heute noch das Fundament einer starken Gemeinschaft bilden. Im Interview zeigt sich, wie tief diese Identität in Matthias verwurzelt ist und welche Parallelen es zur Arbeitswelt von heute gibt.
Glück Auf, Matthias! Schön, dass du Zeit für dieses Interview gefunden hast. Stell‘ dich doch kurz den Leser:innen vor und sag uns, was du beruflich so machst.
Glück auf, Marcel! Danke, für den Austausch, ich freue mich. Mein Name ist Matthias Bohm, ich bin 41 Jahre alt, komme aus der Weltstadt Gladbeck und habe hier 2016 das Modelabel Grubenhelden gegründet. Damit erzählen mein Team und ich die Geschichte des Bergbaus, von über 500.000 Kumpel, von denen mein Ur-Opa einer war. Mit cooler Streetwear wollen wir genau diese Geschichte und Geschichten von unter Tage hinaus in die Welt tragen.
Als Ruhrpottkind muss ich dich aber zu Beginn noch eins fragen: Dortmund oder Schalke?
Blau-weiß! Ich durfte einige Jahre für diesen großartigen Verein im Marketing und Vertrieb arbeiten und bin seither sehr eng verbunden mit Schalke.
OK, danke für das Interview. Unser Gespräch endet leider hier. 😉 Aber mal im Ernst: Wie landet man denn als studierter Sportwissenschaftler beim Thema Textil?

Wir alle stehen morgens auf und fragen uns, was wir anziehen. Kleidung berührt uns – im wahrsten Sinne des Wortes. Für mich ist sie ein Vehikel, um Emotionen zu transportieren. In meinem Berufsleben wurde ich häufig gefragt, woher ich komme. Immer, wenn ich dann „Ruhrgebiet“ und „auf Kohle geboren“ geantwortet habe, erntete ich mindestens ein Stirnrunzeln. Dies empfand ich zu Teilen respektlos meiner Heimat gegenüber, die für unseren heutigen Wohlstand in Deutschland gesorgt hat. Wir haben eine Geschichte, die bis in die Zukunft reicht, die eine ganze Region und sogar das ganze Land wirtschaftlich stark gemacht hat. Bei Grubenhelden „tragen“ wir diese Geschichte raus in die Welt – eben mit Mode, oder Textil.
Was genau hat dich daran begeistert, die Geschichte von harter Arbeit in der Schwerindustrie und dem Erbe der Kumpel weiterzutragen – obwohl sie weniger unsere aktuelle als die unserer Eltern und Großeltern erzählt? Ist das nicht eher etwas für Ewiggestrige?
Der Bergbau ist Geschichte, keine Frage. 2018 hat in Bottrop die letzte Zeche geschlossen. Doch ich denke, an dem Ausspruch „die Kohle geht, der Kumpel“ bleibt, ist eine Menge dran. Denn da unten in den Schächten, da wurden Werte gelebt: Zusammenhalt, Kameradschaft, Vertrauen. Unter Tage waren alle gleich, Kumpel war Kumpel. Solche Tugenden tun unserer Gesellschaft noch immer gut. Darum wollen wir das Erbe der Bergmänner lebendig halten und weitertragen.
Wo wir gerade schon bei Werten sind: Authentizität und Ehrlichkeit spielen sowohl im Ruhrgebiet als auch im Employer Branding eine extrem wichtige Rolle. Wie sehr, glaubst du, prägen solche Werte die Identität von Menschen als auch von Organisationen?
Es geht nur mit Ehrlichkeit. Wer sich nicht für sein Team bzw. seinen Arbeitgeber und/oder ein Thema begeistern kann, arbeitet nicht gut. Übrigens auch ein Ethos, den es bereits im Bergbau gab: Ein Kumpel alleine konnte die Tonne Kohle nicht fördern. Gemeinsam ging es und geht auch heute noch, also im übertragenen Sinne. 😃
Wieso habt ihr euch dann New York als Destination ausgewählt, um Grubenhelden dort seinerzeit auf der Fashion Week zu präsentieren? Interessiert sich die Welt überhaupt für die arbeitsreiche Geschichte des Bergbaus?
Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, die Geschichte meines Uropas, der Bergleute und des Ruhrgebiets raus in die Welt zu tragen. Wie kann man es im Bereich Mode größer erzählen als auf der größten Bühne der Welt im Bereich Mode – in New York. So sind wir dort unsere allererste Fashion-Show gelaufen. Wenn die New York Times darüber berichtet und das mit einer Drittelseite in der Sonntagsprintausgabe, scheint wohl Interesse zu dem Thema vorhanden zu sein. 😃 Bergbau gab und gibt es in so vielen Regionen dieser Welt und wenn nicht direkt Montanindustrie, dann zumindest harte Maloche – damit identifizieren sich die Menschen. Hören sie dann, vielleicht sogar zum ersten Mal, von den Leistungen der Bergmänner, die in über 1.000 Metern Teufe richtig geschwitzt haben für unseren heutigen Wohlstand – das geht an niemandem spurlos vorbei, ob in New York, Tokio oder Wanne-Eickel…
Inwieweit sind die Kumpel von damals ein Vorbild für die Arbeitswelt von heute?
In vielerlei Hinsicht: Gerade habe ich ja schon einmal die Kameradschaft angesprochen. Die war unter Tage so unerlässlich wie unglaublich. Da hat jeder jedem geholfen, egal welche Herkunft der Kumpel hatte oder welcher Religion er angehörte. Bei uns im Team gibt es ehemalige Bergmänner und wir gehen für verschiedene Formate mit den Kumpels ins Gespräch, die auf den Zechen malocht haben. Was wir von diesen Grubenhelden hören, ist der Wahnsinn – mal sind es schier verrückte Anekdoten, mal Geschichten, die dir wirklich das Wasser ins Auge treiben. Eines bleibt immer: Da unten wurde Seite an Seite gearbeitet. Das brauchen wir heute auch. Der Team-Gedanke ist elementar.
Das kann ich nur unterstreichen! Aber lass mal über Kohle sprechen. Welche Rolle spielt Geld für dich als Motivation, ein Startup gegründet zu haben?
Mir geht es tatsächlich um Kohle, aber nicht monetärer Form. Das Erbe der Steinkohle weiterzutragen, ist mir wichtiger als alles andere, da bin ich familiär verpflichtet. Wäre Geld mein Antrieb, könnte ich Grubenhelden so wie in den letzten acht Jahren und in den vielen Jahren, die hoffentlich noch folgen, nicht führen. Die Textilbranche ist ein hartes Geschäft. An Kleidung sparen die Menschen in angespannten Zeiten wie diesen, am ehesten – und gerade an fair in Europa produzierter und nachhaltiger Kleidung. Würde ich also primär Geld verdienen wollen, müsste ich mir ein anderes Business suchen.
Welche Rolle spielt aus deiner Perspektive außerdem ein modernes Führungsverständnis, wenn es darum geht, ein junges Unternehmen wachsen zu lassen?
Grubenhelden ist zwar schon acht Jahre alt, aber ich sehe uns noch immer als jung. Wir brauchen immer hungrige Leute, die unser Thema, den Bergbau, nach außen tragen wollen. Die Spezialisten in unserem Team brauchen Freiheit, die bekommen sie auch von mir – so entsteht Kreativität, um ein – wie du schon sagtest – angestaubtes Thema lebendig zu halten. Wir begegnen uns alle auf Augenhöhe, seien es unsere „alten Haudegen“ aus dem Bereich Technik, unsere Grafik-Abteilung oder die Verkäuferin – wir gehen kumpelhaft miteinander um. Das fördert positive Energie, die es für stetigen Wachstum braucht.
Wie sehr kann man sich gerade in den ersten Jahren gegenüber größeren Arbeitgebern behaupten, um die besten Leute für sich gewinnen und im besten Fall auch noch halten zu können?
Das geht nur mit Leidenschaft. Wer zu uns kommt und sich mit mir unterhält, ist entweder direkt Feuer und Flamme oder halt woanders besser aufgehoben. Mit Begeisterung für die gute Sache kann man bei uns sehr viel Spaß haben. Es ist tatsächlich kein 08/15-Job bei uns. Das wissen alle und schätzen das auch. So bleibt das Team immer stabil.
Mit august & alfred habt ihr gemeinsam mit thyssenkrupp Steel ein weiteres Label aus dem Ruhrgebiet ins Leben gerufen, die in der dortigen Inklusionswerkstatt veredelt werden. Was ist das Besondere an dieser Kollektion und wie sehr zahlt das Ganze auf das dortige Employer Branding ein?
Das könnten die Kolleginnen und Kollegen bei thyssenkrupp jetzt wahrscheinlich besser beantworten. 😅 Aber zum einen glaube ich daran, dass Corporate Fashion einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, Identifikation mit einem Arbeitgeber zu schaffen. Ich glaube, jede und jeder, die oder der morgens ein Shirt oder Hemd von august & alfred überstreift, tut dies mit einem gewissen Stolz. Ganz bewusst tragen die Mitarbeitenden mit dem olivfarbenen Textil und dem Stoff der Silbermäntel ein Stück Unternehmens- und Industriegeschichte nach außen. Und das nicht als Litfaßsäule, sondern cool und stylisch. Diese Geschichte wollen wir gemeinsam mit diesem Weltunternehmen erzählen. Ohne Steinkohle hätte es ja den Stahl auch so nie gegeben – daher passt die Zusammenarbeit so herausragend.
Wie geht es denn in den nächsten Wochen und Monaten weiter bei Grubenhelden? Auf was können wir uns ganz besonders freuen?
Da möchte ich noch nicht zu viel verraten und möchte allen ans Herz legen uns auf irgendeiner Weise zu folgen. Denn es wird noch viel passieren auf unserer außergewöhnlichen Reise: Sneaker haben wir bereits rausgebracht und natürlich immer wieder neue Kleidungsstücke sowie Kollektionen. Dabei soll es aber nicht bleiben, die Geschichte des Bergbaus hat viele weitere Kapitel, die wir erzählen werden. Vielleicht spielen dabei ja sogar Bergleute aus Japan eine Rolle und Tokio baut uns eine Bühne, um darüber etwas zu erzählen – wer weiß, wer weiß … New York soll keine „Eintagsfliege“ bleiben.
Lieber Matthias, vielen Dank für die spannenden Einblicke. Ich hoffe, wir werden auch in Zukunft noch viel von euch hören und lesen. Glück Auf!
Marcel, ich danke dir. Glück auf!
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