Die Mär vom Arbeitgeber und der Familie

Jeder kennt sie. Die maritime Management-Metapher vom Kapitän, der das Steuerrad (alternativ: Ruder) in der Hand hält und seine Mannschaft – oder wahlweise auch Besatzung genannt – durch stürmische Zeiten in ruhige Fahrwasser führt. Nico Rose hat sich Mitte des Jahres einmal näher dieser Metapher gewidmet und ihre Bedeutung hinterfragt. Mir läuft mittlerweile in jedem Fall ein kalter Schauer über den Rücken, sobald ich sie nur höre oder lese. Ein ähnliches Gefühl überkommt mich, wenn ich eine andere Metapher lese, die im Personalmarketing vielfach verwendet wird – die Familie. Jeder von uns ist vermutlich schon einmal über diese Redewendung auf Karriereseiten gestoßen, in der man Teil einer großen Familie werden soll.

Werde Teil einer austauschbaren Familie! 

Bei meiner Suche des geflügelten Satzes „Werden Sie Teil der __________- Familie“ habe ich sofort 2,6 Mio. Treffer gefunden. Ich erkenne also sofort eine hohe Verbreitung und damit scheinbar auch eine hohe Relevanz. Die Treffer auf den ersten Seiten gehören allesamt zu deutschsprachigen Karriereseiten.

Google-Familie

Die hohe Trefferquote zeigt mir außerdem, dass diese Floskel für jeden x-beliebigen Arbeitgeber gelten kann und die Arbeitgebermarke dadurch schnell austauschbar wird und alles andere als ein familiäres Alleinstellungsmerkmal darstellt. Willkommen im Club der Gleichen! Aus SEO-Sicht könnte man vermutlich ebenso auf die Metapher verzichten. Schließlich dürften die wenigsten Jobsuchen mit Suchbegriffen wie „<Jobtitel> Jobs Familie“ oder so ähnlich beginnen. Außerdem stellt sich mir die Frage, ob ich mir als potentieller Mitarbeiter unbedingt eine vergleichbare Zugehörigkeit und Gemeinschaft wünsche wie bei meiner eigenen Familie. Nennt mich konservativ oder altbacken, aber für mich hat Familie einen Wert, den ein Arbeitgeber niemals erfüllen kann. Natürlich verbringe ich viel Zeit bei der Arbeit und mit meinen Kollegen – wahrscheinlich sogar mehr als mit meiner Familie. Ich möchte jedoch stark anzweifeln, dass die meisten Arbeitgeber eine so stark ausgeprägte Gemeinschaft bilden, dass eine so oberflächlich proklamierte Unternehmenskultur als Alleinstellungsmerkmal durchgeht.

Das Familienalbum voller Stock-Fotos

Was assoziiere ich noch mit Familie? Genau, das gute alte Familienalbum, gespickt mit peinlichen Fotos früherer Tage, welches die Mutter zur Weihnachtszeit hervorholt, wenn die Familie zusammenkommt. Doch was sieht man nach wir vor auf Karriereseiten von Arbeitgebern, die sich selbst als Familie bezeichnen? Stock-Fotos! Das fühlt sich doch irgendwie so an: Ich kaufe mir einen Bilderrahmen für zu Hause. Diesen will ich im Wohnzimmer aufhängen, um meinen Besuchern einen Eindruck zu geben, was für eine tolle Familie ich habe. Meine Familienmitglieder verweigern mir allerdings gemeinsame Fotos mit ihnen, weil sie sich nicht mit der Familie identifizieren können oder mit ihr zeigen wollen. Und weil das so ist, lasse ich also die Stock-Fotos, die als Platzhalter dienen, im Bilderrahmen und hänge sie trotzdem an prominenter Stelle in meiner Wohnung auf. Irgendwie schräg, oder? Glücklicherweise steht die Verwendung von irreführender Werbung auf Karriereseiten seit dem 01. April 2017 unter Strafe. 😉

Ich glaube aber, dass die meisten Arbeitgeber eine gute Intention verfolgen, wenn sie ihr Unternehmen „wie eine Familie“ beschreiben. Sie suchen nach einem Modell, das die Art von Beziehungen darstellt, die sie sich mit ihren Mitarbeitern wünschen – eine lebenslange Beziehung mit einem Gefühl der Zugehörigkeit. Aber wenn man den Begriff „Familie“ verwendet, können leicht Missverständnisse entstehen. In einer echten Familie, können Eltern ihre Kinder nicht einfach kündigen. Stellt euch vor, man würde sein eigenes Kind wegen schlechter Leistung verleugnen. „Entschuldige mein Kind, aber deine Mutter und ich haben beschlossen, dass du nicht so gut zu uns passt. Deine Kompetenzen bei der Tischgestaltung liefern nicht die außergewöhnlichen Ergebnisse in der Kundenzufriedenheit, für die wir bekannt sind. Wir werden dich daher gehen lassen. Aber bitte verstehe es nicht falsch. Es ist doch nur Familie.“ Undenkbar, oder? Aber das ist im Wesentlichen der Fall, wenn ein Arbeitgeber sich als Familie bezeichnet und im Zweifel Entlassungen einleitet. Ungeachtet dessen, ob die Kündigung gesetzeskonform oder moralisch und wirtschaftsethisch vertretbar ist, werden sich diese Mitarbeiter verletzt und betrogen fühlen.

Nimm es sportlich!

Im Gegensatz dazu haben professionelle Sportmannschaften eine spezielle Mission. Sie wollen gemeinsam Spiele und Meisterschaften gewinnen. Die Teammitglieder kommen zusammen, um diese Mission zu erfüllen. Die Zusammensetzung des Teams ändert sich mit der Zeit, entweder weil sich ein Teammitglied entscheidet, zu einem anderen Team zu gehen, oder weil das Management entscheidet, ein Teammitglied zu transferieren. In diesem Sinne ist ein Arbeitgeber eher mit einer Sportmannschaft als mit einer Familie zu vergleichen. In einer Sportmannschaft genießt man zwar keine lebenslange Anstellung, es gelten jedoch immer die Grundsätze des Vertrauens und des gegenseitigen Nutzens. Teams gewinnen durch das Zusammenspiel der einzelnen Mitglieder, die sich gegenseitig genug vertrauen. Sie stellen den Team-Erfolg über den Erfolg des Einzelnen. Paradoxerweise ist das Gewinnen als Team der beste Weg für die Teammitglieder, individuellen Erfolg zu erzielen. Die Mitglieder eines siegreichen Teams werden außerdem von anderen Teams stärker gesucht, sowohl wegen ihrer Erfolge, als auch wegen ihrer Fähigkeit, einem neuen Team dabei zu helfen, eine gewinnbringende Kultur zu entwickeln.

Der Vergleich einer Sportmannschaft zeigt also viel deutlicher, wie wir zusammenarbeiten und zu welchem Zweck. Die Idee einer Familie hat trotz aller Kritik dennoch Relevanz, weil sie definiert, wie wir miteinander umgehen – mit Mitgefühl, Wertschätzung und Respekt. Die einfache Verwendung der Familien-Metapher zur Beschreibung eines Arbeitgebers im Personalmarketing bleibt für mich dennoch in den meisten Fällen eine Worthülse, weil sie kaum halten kann, was sie verspricht.

(Dieser Artikel ist zuerst bei personalblogger.net erschienen.)

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